Rede zum Volkstrauertag 2016


Rede Bürgermeister Rolf Herrmann zum Volkstrauertag 2016 am Ehrenmal auf dem Kirchhof der Heilig-Dreikönigskirche in Haselau.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Wir haben uns wieder hier auf dem Kirchhof der Heilig-Dreikönigskirche in Haselau versammelt, am Ehrenmal für die Toten aus unserer Gemeinde, die in den Weltkriegen gefallenen sind, um aller Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft zu gedenken. Zu ihrer Ehre haben wir hier heute Kränze niedergelegt.

Kriegerische Auseinandersetzungen hat es zwischen den Menschen eigentlich schon immer gegeben, sie haben den beteiligten Parteien und unschuldigen, unbeteiligten Menschen unendliches Leid gebracht, ob dies nun die lokalen Streitigkeiten der Vergangenheit, die weltumspannenden Kriege aus dem letzten Jahrhundert waren oder die heutigen Auseinandersetzungen in vielen Teilen der Welt.

Nicht einmal 45 Minuten, also eine Halbzeit eines Fußballspiels, dauerte es, bis fast 8 000 englische Soldaten an der Westfront bei Thiepval in der Schlacht an der Somme in der ersten Angriffswelle grausam gestorben waren. Ihnen sollten noch viele Tausend folgen. In der Schlacht an der Somme vom 1.Juli bis zum 18. November haben etwa 1,2 Millionen Menschen ihr noch junges Leben lassen müssen. Ihr Tod hat Familien, Freunde und ihre Partner in tiefes Leid gestürzt. Wofür?

Vor 100 Jahren wurde ein Krieg hier in Europa geführt, um die Machtinteressen der beteiligten Staaten durchzusetzen. Ein lokaler Streit auf dem Balkan gab dafür den Anlass. Die großen Mächte Europas suchten jeweils ihren Platz in der Welt und stachelten einander auf, in ihrem Vormachtstreben und damit verbundener militärischer Stärke und dem Glauben an die eigene unbesiegbare Kraft.

Dieser Krieg, später 1. Weltkrieg genannt, war anders als alle Kriege vorher. Früher wurden Schlachten geführt und der Sieger stand nach wenigen Tagen fest, dieser Krieg aber war zermürbend, es gab am Ende keine Sieger, sondern nur Verlierer. Er wurde mit neuesten Techniken und immer neueren Waffen geführt, um eventuell ein paar Meter Boden, der von Geschossen umgepflügt war, zu gewinnen und ihn am nächsten Tag wieder an den Feind zu verlieren.

Weihnachten, Heiligabend, „in der Nacht, in der die Engel singen“, den Krieg zu unterbrechen, hatten die Regierungen aller beteiligten Staaten abgelehnt. Aber dann taten sich an den verschiedensten Abschnitten der Westfront doch insgesamt etwa 100 000 britische und deutsche Soldaten zusammen, um für ein paar Stunden oder gar ein paar Tage die Waffen ruhen zu lassen.

Vor einem Jahr berichtete ich an dieser Stelle vom diesem sogenannten „Weihnachtswunder“:

"Wir spielten Mundharmonika, dazu sangen sie, und wir klatschten": Weihnachten 1914 widersetzten sich etwa hunderttausend verfeindete Soldaten der Generalität und legten an verschiedensten Abschnitten der Westfront eine Waffenruhe ein. So schrieb ein britischer Soldat an seine Eltern über den berühmten Weihnachtsfrieden. Es gibt Berichte von Fußballspielen, die im Niemandsland zwischen den Schützengräben stattgefunden haben sollen. „Wir kennzeichneten die Tore mit unseren Mützen“, schrieb der deutsche Leutnant Johannes Niemann. „Die Mannschaften waren rasch aufgestellt, und die Fritzen schlugen die Tommies 3:2.“ Das klingt mehr nach einem Scherz, als nach einem Augenzeugenbericht.

Am 29. Dezember erklärte der Generalstabschef der kaiserlichen Streitkräfte, Erich von Falkenhayn, dass jeder Soldat, der in unkriegerischer Haltung den Schützengraben Richtung Feind verlasse, vor ein Kriegsgericht zu stellen sei. Nicht überall und nicht sofort konnte sich von Falkenhayn durchsetzen.

Wer führte denn hier gegeneinander Krieg? Die Soldaten in den Schützengräben litten alle gleich und die hochdekorierten Führer forderten unmenschliches, saßen aber in Schlössern an weiß gedeckten Tischen und ließen sich mit hervorragendem Essen und Getränken bedienen.

Hier auf dem Gedenkstein ist die lange Liste der Gefallenen aus Haselau in Stein gemeißelt, diese Männer haben sicher keinen Hass gegen Soldaten in den anderen Schützengräben gehegt. Sie mussten gegeneinander kämpfen, obwohl ihre monarchischen Führungen miteinander verwandt und verschwägert waren.

In einer Broschüre fand ich ein Bild, von einem Soldatenfriedhof aus dem 1. Weltkrieg, das ein Kreuz mit der Inschrift Georg Hofreiter-Gefreiter und einem Datum zeigt. Wer erinnert sich noch an ihn, ihn der vor 100 Jahren sein Leben verlor? Seine Familie? Seine Freunde? Es ist die Initiative des Volksbundes zu begrüßen, blaue Vergissmeinnicht als Hinweis der Erinnerung zu verteilen, ähnlich der Engländer mit den roten Mohnblumen, den Poppys.

Trotz all unserem Wissen durch die Medien, gibt es immer wieder junge Menschen, die verblendet durch Verheißungen, wie unsere Vorfahren 1914, mit Begeisterung in den Krieg ziehen, weil man ihnen eine rosige Zukunft und das Paradies versprochen hat, eine Zukunft von der aber niemand bisher berichten konnte, eine Zukunft nach dem Tod.

Jeden Tag müssen wir die Berichte über Gewaltexzesse in weiten Regionen des Nahen- und Mittleren-Osten und aus Afrika wahrnehmen. Hier geht es um Besitz, Bodenschätze und leider auch immer um die Religionszugehörigkeit.

Wie nahe der Krieg zu uns gekommen ist, haben wir leidvoll erfahren müssen. Religiöse Extremisten, die das Leben in Freiheit und unsere Werte hassen, haben im Namen des muslimischen Gottes völlig unbeteiligte Menschen angegriffen und wahllos getötet. Sie wollten töten, egal wen sie getroffen haben. Diese Morde zeigen die Brutalität der Attentäter in ihrem verwerflichen Handeln.

Die Einflussbereiche der großen Mächte spielen bei diesen Auseinandersetzungen, genau wie 1914, eine entscheidende Rolle. Wir glauben, nicht aufeinander zugehen zu können und verspielen dabei die größten Möglichkeiten einer friedlichen Einigung.

Das Schicksal von Herrn Assad aus Syrien ist sicher nicht wichtig. Wichtig sind aber militärischen Einflussbereiche in Syrien, wichtig ist die Vorherrschaft von Sunniten oder Schiiten. Die Menschen, auch die eigenen, spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist der Traum von Macht, von der Einflusssphäre, sie zu erhalten und zu verbessern. Genau wie 1914!

Kriege zeigen leider nur das Unvermögen der Menschen sich zu einigen und so ein Miteinander in den verschiedenen Ebenen, den verschiedenen Religionen, den verschiedenen Auffassungen, den verschiedenen Menschen zu ermöglichen und ein erfülltes Leben anzustreben mit Vertrauen und gegenseitiger Achtung.

Lassen Sie uns der Toten gedenken.
Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Kriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen die Gewaltherrschaft leisteten, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung und ihrem Glauben festhielten.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als „lebensunwert“ bezeichnet wurde.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege, der Gewaltexzesse unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die, die bei uns Schutz suchten und Opfer sinnloser Gewalt wurden.

Wir trauern mit den Müttern und mit allen, die Leid trugen um die Toten. Doch unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung zwischen allen Menschen und Völkern.

Erweisen wir uns würdig gegenüber den Toten, damit sie nicht umsonst gestorben sind.


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